Leseproben        

        

 

Chip Generation

 

So muss sich ein White-Out anfühlen. Alles verschwindet im Nebel, die Konturen lösen sich auf und man verliert die Orientierung  im unendlichen Weiß: Weißer Boden, weiße Wände, weiße Decke, weißes Licht. Eine Wand ist komplett verspiegelt. Sie haben mich in weiße Hosen und ein weißes Hemd gesteckt. Es ist als würde ich in diesem Raum einfach verschwinden, wenn nicht meine dunklen Haare und Augen im Gegensatz dazu stünden. Sie wirken schwarz in all dem Weiß und bilden die einzigen Konturen. Der Spiegel wirft mir das Bild brutal aus dem Nichts entgegen. Die Umrisse meines Körpers verschwinden. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Boden, habe das Gefühl zu schweben. Ich weiß, dass sie hinter dem Spiegel sind, mich beobachten. Die aufsteigende Panik droht mir die Luft abzuschnüren. Um sie zu unterdrücken, lächle ich mein Spiegelbild an, lächle die hinter dem Spiegel an.

„Ich habe keine Angst“, sage ich leise. Dann noch einmal lauter: „Ich habe keine Angst mehr vor euch.“

 

FLO20240229DE00345XY, Felix Lohmann, geboren am 29. Februar 2024, Deutscher, männlich. Eine Nummer, eine Kennung auf einem Chip. Einer der ersten Generation, die von Geburt an gechippt sind. Eingebunden in eine perfekte Überwachungsmaschinerie, vierundzwanzig Stunden am Tag, jeder Schritt, jede Bewegung wird von den Sensoren erfasst und in unseren Systemen gespeichert. Erzogen in einem der „Staatlichen Institute für Bildung und Erziehung“, vom ersten Lebensjahr an auf Konformität getrimmt. Auf dem Netbook in meinen Händen ist seine elektronische Akte geöffnet. Zu intelligent für seinen Hintergrund. Er sollte nur einer von vielen werden …

 

 

Zahlentango

 

Ich starre auf den Bildschirm. Die Zahlen tanzen Tango vor meinen Augen. Ich mag Tango und ich mag Zahlen, aber beides zusammen?

„Willst du nicht auch endlich nach Hause gehen, Kai?“, fragt Helene.

„Muss den Ergebnisbericht fertig bekommen“, murmle ich ohne aufzusehen.

„Na dann. Tschüss bis morgen“.

Wenn die Zahlen nur endlich aufhören würden Tango zu tanzen. Ich sehe aus dem Fenster. Es geht zum Parkplatz hinaus. Zur Entspannung zähle ich Autos. Es sind siebeneinhalb. Heute Mittag waren es zweiundvierzigeinhalb. Helene steigt gerade in ihren Smart und fährt weg. Sieben. Ich atme auf. Es ist Dienstag, achtzehn Uhr zwölf. Die Zahlen auf meinem Bildschirm haben aufgehört zu tanzen und ich kann weiter arbeiten. Die Deadline ist Freitag Mittag …

 

 

Für den Augenblick

 

Sie tanzen bereits die dritte oder vierte Runde miteinander, meine Frau und Kai Hofmann. Ich tanze weder gut noch gerne, Betriebsfeiern sind mir ein Gräuel, doch Nathalie meinte, wir müssten gehen.

„Was sollen denn deine Kollegen und Mitarbeiter denken, wenn ausgerechnet du nicht kommst?“, sagte sie und ich gab nach. Sie hatte ja recht, als Personalchef konnte ich mich genauso wenig drücken, wie die anderen Abteilungsleiter.

Also betrieb ich hier und da ein bisschen Konversation, tanzte die erste Pflichtrunde mit ihr, und als sie dieser Hofmann fragte, ob sie mit ihm tanzen wolle, sagte ich: „Geh‘ ruhig. Ich trample dir sowieso nur auf den Füßen herum.“

 

Jetzt strahlt sie. Er sagt irgendetwas zu ihr, sie lacht. Ich halte mich an einem Glas Wasser fest, obwohl ich lieber ihren Wein herunter kippen möchte. Ausgerechnet Kai Hofmann, unser Controller. Ein Sonnenscheinchen, immer ein Lächeln auf den Lippen, hält den Damen die Türen auf und grüßt selbst die Auszubildenden freundlich. Ich beobachte die Beiden mit zusammengebissenen Zähnen und einem künstlichen Lächeln, denn meine Laune ist längst im Keller. Meine Kiefergelenke schmerzen …

 

 

POLARNACHT

Kinderstube

1

Silbriges Licht drang in die Höhle. Vollmond. Sie stellte sich vor, wie es wäre in dieser Nacht mit ihrer Familie durch die Wälder zu streichen und zu jagen. Sie vermisste die Jagd und die Freiheit. Doch bald würde sie wieder bei ihnen sein. Denn endlich war es soweit. Dreiundsechzig Tage und Nächte lang hatte die Wölfin auf diesen Moment gewartet. Sie leckte die Welpen trocken. Vier. Dann schubste sie die Kleinen in Richtung ihres Gesäuges und  ließ sie trinken. Das war jetzt dasWichtigste. Es waren drei Rüden und ein Weibchen. Drei waren schwarz, wie es Welpen nun einmal waren, doch das Mädchen war weiß. Als sie den Schock darüber überwunden hatte, gab ihr die Wölfin, ganz entgegen der Sitte, schon jetzt einen Namen: Kaamos, das bedeutete Polarnacht. Die Kleine war trotz ihrer ungewöhnlichen Farbe wunderschön und perfekt. Draußen erklang ein Heulen. Das war der Graue, ihr Partner, seine Stimme würde sie überall erkennen. Die Jährlinge stimmten ein. Sie war zu erschöpft von der Geburt.

 

„Töte diese kleine Missgeburt“, forderte der Graue, ihr Partner. „Sie passt nicht zu uns. Sie wird nie mit uns jagen können. Ihre Farbe wird uns verraten.“

„Nein, das kann ich nicht tun.“ Sie stellte sich zwischen ihn und die Kinder.

„Dann töte ich sie eben.“

„Welpen sind immer schwarz, aber sie verändern ihre Fellfarbe im Laufe der Zeit. Das weißt du doch auch. Vielleicht ist es bei ihr genau so.“ Sie machte sich bereit, Kaamos mit ihrem eigenen Leben zu beschützen.

„Dann sieh zu, wie du sie allein durchbringst. Ich werde sie nicht füttern. Ich werde es auch keinem anderen gestatten. Und wenn sie so bleibt, dann …“

Er knurrte, fletschte dabei die Zähne. Doch er würde ihr nichts tun, denn auch er wusste, dass seine Söhne eine Mutter brauchten. So blieb ihm nichts anderes übrig, als das weiße Mädchen zu dulden. Vorerst …

 

 

Teufelsmusik

 

David trommelte ungeduldig mit seinen langen, schmalen Fingern aufs Lenkrad. Musikerhände hatte sein Cellolehrer immer gesagt, die Klavierlehrerin hatte sich sogar zu „Pianistenhänden“ hinreißen lassen. Und wie begabt er doch wäre. Seine Eltern hatten dann aber doch beschlossen, dass eine Musikerkarriere für ihren Sohn nicht in Frage käme. Kurzerhand hatten sie dann alle seine Bemühungen, die in diese Richtung gingen, unterbunden. Statt dessen hatte er Jura studiert.

 

Jetzt stand er in diesem verdammten Feierabendstau, musste noch durch die halbe Stadt, um seine kleine Tochter vom Ballettunterricht abzuholen. Seine Frau war momentan auf einem Selbstverwirklichungstrip und meinte, dafür könnte er sich etwas mehr um sein Kind kümmern.

Er seufzte und zündete sich eine Zigarette an. Sein Arzt hatte ihm dringend geraten aufzuhören, aber er hatte einen Scheißtag in der Firma hinter sich. Sein Arzt hatte ihm auch nahe gelegt in der Arbeit kürzer zu treten, wenn er nicht schon mit Mitte Dreißig einen Herzinfarkt erleiden wollte. Einfacher gesagt als getan, die Rechtsabteilung eines Großkonzerns war nun einmal arbeitsintensiv und nervenaufreibend. Und er machte seinen Job gut, und das obwohl er ihn hasste. Außerdem hatte er eine Familie zu ernähren.

 

„Es ist grün, du Idiot, grüner wird’s nicht!“ …

 

 

Ein Hase namens Paulchen

 

Es war zu der Zeit der Schafkälte, Mitte Juni. Tiere wie Menschen litten unter der neuerlichen Kälte, da brachte die alte Häsin auf dem Huber-Hof ein einzelnes Hasenkind auf die Welt und verstarb. Der kleine Hasenjunge rief nach ihr, immer und immer wieder, bis er schließlich hungrig und erschöpft einschlief.

 

Am nächsten Morgen machte der Huber-Bauer seinen üblichen Rundgang über den Hof.Seine Tochter Kristin begleitete ihn wie so oft. Dabei fanden die beiden die tote Häsin und ihr Junges.

„Nun, wenn die Mutter tot ist, was soll das Kleine leben“, sagte der Bauer.

„Wie meinst du das, Papa?“ Seine Tochter sah ihn aus großen, blauen Augen an.

„Es hat keine Mutter mehr und ist selbst schon halb tot. Ich werde es erlösen.“

„Papa, nein. Es darf nicht sterben. Ich werde seine Mama sein und es mit der Flasche füttern.“

Der Huber-Bauer brummte.

„Bitte, bitte, Papa.“

Er konnte ihrem Augenaufschlag nicht widerstehen, welcher Vater könnte das schon, also sagte er Ja. „Aber du bist allein dafür verantwortlich.“

„Danke, Papa. Und ich verspreche, dass ich mich ganz toll um Paulchen kümmern werde“, jubelte Kristin.

„So,so, Paulchen also“, murmelte der Bauer …

 

 

Ian vom Loch Tatha

 

Der Regen trommelt hart auf den ausgetrockneten Boden, Donner zerreißt die Luft. Meines Vaters Stimme sucht das Unwetter zu übertönen. Er betet das Vater Unser. Meine Mutter und ich murmeln die Worte mit ohne sie mit Leben zu füllen. Mein Blick schweift zur Tür, dann zu meiner Mutter. Ihre Haare wirken nass, wie immer. Sie sind pechschwarz und so weich wie Seide, so dass die Haarbänder nicht halten, ihre Zöpfe sich unzüchtig auflösen.

„Der Herr segne dieses Mahl“, schließt Vater das Gebet.

„Amen“, antworte ich gehorsam und streiche mir eine feuchte Strähne aus dem Gesicht.

Schweigend essen wir unseren Eintopf. Kartoffeln und Gemüse. Sonntags gibt es Fleisch, freitags manchmal Fisch. Wir sind einfache Leute.

Das Gewitter tobt.

„Soll ich nochmal nach dem Vieh sehen, Vater?“ Mich zieht es hinaus in den Regen.

„Nein, das mache ich selbst.“ Er steht abrupt auf und humpelt zur Tür. Seit einem Unfall mit dem Pflug im letzten Sommer ist sein rechtes Bein steif.

„Aber ich …“

Mutter legt den Finger auf den Mund. Vater schlägt die Tür hinter sich zu.

„Er will dich nur beschützen, Junge.“ Ihre Stimme ist klar wie Quellwasser. Ich schnaube unwillig.

 

Der Regen der Nacht hat den Boden aufgeweicht, trotzdem laufe ich dem Wind ebenbürtig über die Felder und Wiesen. Im Wald streife ich die Wassertropfen von den Bäumen. Das tut gut. Ohne nachzudenken stürze ich mich in den Quellteich…

 

 

Menschenblut

 

„Vampire. So ein Blödsinn. Das sind doch nur Märchengestalten.“ 

„Aber merkwürdig ist das schon, findest du nicht?“ 

„Ach, wer weiß, was das wieder für ein Irrer ist. Warte doch erst einmal die Obduktion ab.“

Julian trank Heiße Schokolade mit Sahne in seinem Lieblingscafé. Die beiden Männer saßen zwei Tische weiter. Sie sprachen leise miteinander, er lauschte.

„Du meinst wohl, da draußen rennt irgendein Psychopath herum, der den Jungs das ganze Blut abzapft und dabei diese Male hinterlässt. Und die Opfer lassen das auch noch seelenruhig über sich ergehen? Meinst du, das ist die neueste Blutspende-Aktion des Roten Kreuzes oder was?“

„Na, das wäre immer noch besser als deine abstruse Vampirtheorie und außerdem...“

Ohne dass er es wollte, beschwor Julian eine Vision herauf …

 

Und dann war das Biest über ihm, die Zähne gruben sich in seinen Hals. Alles begann sich um ihnzu drehen, etwas in seinem Kopf drohte zu explodieren. Doch er spürte keine Schmerzen. Immer schneller floss sein Leben zusammen mit dem Blut aus seinem Körper…

 

 

Der Andere 

 

Ich grinse, frage mich, wie ich diese Runde mit einem simplen Zwilling gewinnen konnte.

„Sag mal, hast du irgendetwas genommen?“ Flo mustert mich.

„Mann, du siehst aus, als hättest du seit Wochen nicht geschlafen. Und trotzdem schaffst du es, uns alle abzuzocken.“

„Ich bin nicht auf Drogen!“

Warum wärmt er alte Geschichten auf? Ich nehme seit Jahren nichts mehr, nicht einmal Aspirin. Früher. Ja. Aufputschmittel, um die Nächte durchzumachen, Schlaftabletten, um zwischendurch wieder runterzukommen und was auch immer, um gut drauf zu sein. Bis ich vor sechs Jahren am Abgrund stand. Überdosis. Das ist vorbei. Flo sollte das wissen.

„Ist ja schon gut, Chris. Komm wieder runter.“ Die anderen aus unserer Pokerrunde starren mich an. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich aufgesprungen bin. Meine Augen brennen vor Müdigkeit.

„Okay, ich mache Schluss für heute.“

Ihre Blicke bohren sich in meinen Rücken, als ich gehe.

 

Ich schrecke hoch, mein Blick fällt auf den Wecker. Zwei Uhr dreiundvierzig. Ich habe maximal eine halbe Stunde geschlafen. Jeden Tag betrügt mich mein Körper um mehr Schlaf, jeden Tag schreit er mehr danach. Von Unruhe getrieben wandere ich durch meine Wohnung.

Klack. Klack. Klack.

So geht das schon seit Wochen. Ich bleibe stehen, es hört auf ...

 

Die Wahrheit über Witta Winter 

 

Georg saß allein am Küchentisch und betrachtete das Corpus delicti, einen ehemals perfekten Apfel. Sie hatte ein Faible für perfektes Obst gehabt: Immer hatte sie nur sonnengelbe Bananen ohne einen einzigen braunen Fleck gekauft, Ananas, die auch nach Ananas rochen, die rötesten Kirschen und die Äpfel ohne eine einzige Druckstelle, nie war auch nur eine einziger mit Runzeln dabei. Dieser war es nicht mehr, perfekt. Der Abdruck ihres ebenmäßigen Gebisses – ja, aber das Fleisch der Bisswunde war schon hässlich braun verfärbt.

 

Georg seufzte. Wer hatte eigentlich diese verflixte Idee gehabt? „Haushälterin gesucht – Familienbetrieb, 6 Junggesellen, 1 Jungfer, gut gehendes Erzbergwerk mit Besucherstollen, sucht fleißiges Fräulein, das den Haushalt auf Vordermann bringt und das leibliche Wohl sicher stellt.“ Hätte Josefine nicht einfach über ihren Schatten springen können? Schließlich war sie die Frau im Haus. Aber nein, sie hatte gesagt: „Warum soll ich mich mit Weiberarbeit abgeben, wenn ich Männerarbeit besser kann als mancher von euch?“

Dabei hatte sie den jüngsten Bruder, Nick, vielsagend angesehen…

 

Bernstein  

 

Manchmal laufe ich nachts durch die Gassen und Straßen der Stadt, von den Wächtern unbemerkt schlüpfe ich durch die Tore, werfe dort meinen Umhang ab. Kühler Nachtwind streichelt meine nackte Haut, bläst den Mief der Stadt aus meinen Haaren. Befreit von den Ketten der Stadt renne ich über die Felder und Wiesen, dann in den Wald. Dort werde ich endgültig eins mit den Schatten der Nacht. Im Mondschein schwimme ich durch den Fluss, wasche dort das Blut von meinem Körper.

 

"Wo warst du?", fragt mein Vater.

Das kalte Wasser des Flusses tropft noch aus meinen Haaren auf den Mantel, perlt dort vom Stoff ab, bildet eine kleine Pfütze auf dem Steinboden. Außer dem Umhang trage ich nichts am Leib. Er weiß das. Der Ausdruck in seinen Augen lässt mich frösteln. Er fürchtet sich vor mir und doch wieder nicht. Er wartet auf eine Antwort, die er bereits kennt ...  

 

Island zum Ersten   

 

Ankunft. Jetzt kann man sie sehen, die Insel aus Feuer und Eis. Schwarze Gipfelt mit weißen Schecken. Das, was ich zunächst für Wolken halte, entpuppt sich als der Vatnajökull, der größte Gletscher Europas.

Dann taucht ein Krater unter uns auf, ganz mit Schnee gefüllt. Die Gletscherränder fließen in die Landschaft wie weiße Lava. Noch fehlt das Feuer, der Eyafjalla spuckt nicht mehr. Bei diesem Anblick halte ich den Atem an und kann es kaum erwarten, meine Füße endlich auf die Insel zu setzen ...


Schneesturm


Island 1780


Manche hatten sie für verrückt erklärt, als sie loszogen. Andere hatten sie für Angeber gehalten, wieder andere hatten ihren Mut bewundert. Für Bjarni und seinen Bruder Jón war es einfach eine Notwendigkeit gewesen. Die Seuche hatte fast alle Schafe dahingerafft und den Menschen am Fjord eine ihrer Lebensgrundlagen geraubt. So waren sie schließlich im Spätsommer zusammen mit ihrem Cousin Halldór und dessen elfjährigem Sohn Einar in den Süden geritten.


© Sabine Barnickel